Die Zeit um Allerheiligen und Allerseelen – also der 1. und 2. November – hat in Italien einen besonderen Stellenwert. Ende Oktober und Anfang November sind in Italien geprägt von stillen Gedenktagen, familiären Traditionen und inzwischen auch gruseligen neuen Bräuchen. In diesem Blogartikel werfen wir einen Blick auf den 31. Oktober (Halloween), 1. November (Allerheiligen) und 2. November (Allerseelen) in Italien. Wir beleuchten den historischen Ursprung dieser Tage, typische italienische Bräuche und Rituale, ihre heutige gesellschaftliche Bedeutung sowie Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu Deutschland.
Historischer Ursprung von Halloween, Allerheiligen und Allerseelen
Allerheiligen (1. November) geht als christliches Fest auf die erste Jahrtausendwende zurück. Ursprünglich gedachte man an diesem Tag aller Märtyrer; ab dem 9. Jahrhundert wurde der Gedenktag dann auf alle Heiligen ausgeweitet. Papst Gregor IV. legte im Jahr 835 Allerheiligen in der gesamten Westkirche auf den 1. November, womit das Fest vom früheren Termin nach Ostern auf den Herbst verlegt wurde Allerseelen (2. November) wurde etwas später eingeführt: Seit dem späten 10. Jahrhundert – ausgehend von der Abtei Cluny in Frankreich – begeht die Kirche am 2. November einen Gedenktag für alle Verstorbenen. An Allerseelen wird für die Seelen der Toten gebetet, die nach katholischem Verständnis noch nicht ganz im Himmel angekommen sind Dieses Totengedenken am 2. November ist bis heute in der katholischen Tradition verankert.
Der 31. Oktober, der Vorabend von Allerheiligen, steht traditionell im Zeichen der Vigil (Vorabendfeier) des Hochfests. In angelsächsischen Ländern entwickelte sich daraus Halloween (von All Hallows’ Eve, Allerheiligenabend). Halloween hat seine Wurzeln vermutlich im keltischen Samhain-Fest, das das Ende des Sommers markierte, und wurde später in den USA populär. Von dort schwappte der Brauch im 20. Jahrhundert nach Europa. In Italien selbst war der 31. Oktober historisch kein eigenständiger Feiertag – Samhain war auf der Apennin-Halbinsel unbekannt, und der November-Termin für Allerheiligen wurde in Italien bereits im 8. Jahrhundert eingeführt unabhängig von keltischen Einflüssen. Dennoch hat sich Halloween in den letzten Jahrzehnten auch in Italien etabliert, wenn auch als importiertes Fest.
31. Oktober – Halloween in Italien
Obwohl Halloween kein originär italienischer Feiertag ist, findet der Gruselspaß am 31. Oktober inzwischen auch in Italien statt. Ursprünglich aus Irland stammend und über die USA weltweit verbreitet, hat Halloween heute auch in Italien einen festen Platz erobert. Besonders die jüngere Generation begeht den 31. Oktober mit Kostümpartys, Dolcetto o scherzetto (ital. für „Süßes oder Saures“) und schauriger Dekoration. In vielen italienischen Städten und Dörfern werden am Abend des 31. Oktober Umzüge und Kostümfeste veranstaltet, und verkleidete Kinder ziehen von Tür zu Tür auf der Jagd nach Süßigkeiten. Dabei vermischt sich der importierte Halloween-Brauch mit lokalen Traditionen: Mancherorts stellen Familien in der Nacht Kerzen ins Fenster, um die Seelen der Verstorbenen zu begrüßen – ein alter Aberglaube, der nahtlos an die folgenden Gedenktage anknüpft.
Trotz steigender Popularität bleibt Halloween in Italien eher ein kommerzieller Spaß am Vorabend von Allerheiligen als ein tief verwurzeltes Kulturgut. Weder ist der 31. Oktober ein Feiertag (die Geschäfte sind normal geöffnet), noch gibt es in der älteren Generation eine entsprechende Tradition. Gleichwohl sieht man Ende Oktober in italienischen Städten mittlerweile Kürbisfratzen (Jack O’Lanterns) in Schaufenstern, verkleidete Jugendliche in den Straßen und Motto-Partys in Bars und Clubs. Viele Italiener – vor allem Familien mit Kindern – betrachten Halloween aber gelassen: Am nächsten Tag ist man ja frei und kann ausschlafen, sodass die nächtliche Feier am 31. Oktober willkommene Unterhaltung bietet.
1. November – Allerheiligen (Ognissanti)
Allerheiligen (Tutti i Santi oder Ognissanti auf Italienisch) ist in Italien ein landesweiter Feiertag. An diesem Tag gedenkt die katholische Kirche aller Heiligen, und traditionell gehen viele Gläubige in die Heilige Messe. Papst Franziskus feiert etwa am 1. November eine Messe, und auch in Gemeinden in ganz Italien finden festliche Ognissanti-Gottesdienste statt. In berühmten Kirchen wie dem Petersdom in Rom oder dem Dom von Mailand sind die Allerheiligen-Messen besonders feierlich, oft mit Prozessionen und großer Teilnahme der Gläubigen.
Neben dem kirchlichen Gedenken hat Allerheiligen in Italien auch eine familiäre und kulturelle Dimension. Da der 1. November arbeitsfrei ist, nutzen viele Familien das verlängerte Wochenende, um zusammenzukommen. Man besucht gemeinsam die Heimatorte und verbringt Zeit miteinander. Eine altehrwürdige Tradition ist der Friedhofsbesuch am 1. November: In nahezu ganz Italien ist es üblich, an Allerheiligen die Friedhöfe aufzusuchen, die Gräber verstorbener Angehöriger zu säubern, frische Blumen niederzulegen und Kerzen anzuzünden. Bereits in den letzten Oktoberwochen herrscht reger Betrieb auf den Friedhöfen: Sie werden extra auf Vordermann gebracht – Unkraut wird gejätet, Wege gefegt und Gräber liebevoll geschmückt. Floristen liefern Unmengen an Chrysanthemen, denn diese Blumen gelten in Italien als klassische Trauerblumen und schmücken zu Allerheiligen fast jedes Grab. (Ein kleiner Tipp am Rande: Schenken Sie einem Italiener niemals Chrysanthemen zum Geburtstag – diese Blume wird unweigerlich mit Friedhof und Trauer assoziiert!)
Ein Grablicht und Blumen schmücken ein Familiengrab zu Allerheiligen
Die Stimmung an Allerheiligen ist in Italien eine besondere Mischung aus Besinnlichkeit und heimeliger Atmosphäre. Vormittags oder am frühen Nachmittag des 1. November kommen die Familien in aller Ruhe zusammen, um ihrer Verstorbenen zu gedenken. Vielerorts werden an diesem Tag auch Gräbersegnungen durch einen Priester vorgenommen – oft bereits am Nachmittag des 1. November, wenn alle Verwandten anwesend sind. Hunderte flackernde Kerzenlichter auf den Friedhöfen tauchen die italienischen Friedhöfe am Abend in ein warmes, rötliches Lichtmeer. Diese Tradition des gemeinsamen Friedhofsbesuchs ist tief in der italienischen Kultur verwurzelt und ein stiller, aber kraftvoller Ausdruck von Liebe und Respekt.
Allerheiligen ist zwar ein religiöser Gedenktag, doch die gesellschaftliche Bedeutung geht darüber hinaus. Vielen Italienern – auch weniger religiösen – ist der 1. November wichtig als Tag der Ruhe und Familientraditionen. Man nutzt den freien Tag, um die Gräber der Lieben zu besuchen und vielleicht anschließend zuhause ein gemeinsames Familienessen abzuhalten. Andererseits wissen die meisten heute kaum mehr im Detail, welche Heiligen eigentlich gefeiert werden. Für viele steht schlicht das freier Tag im Mittelpunkt: Man freut sich über den arbeitsfreien Tag und hofft insgeheim, dass der 1. November auf einen Montag oder Freitag fällt – dann lässt sich nämlich mit einem ponte (Brückentag) ein richtig langes Wochenende machen. In den letzten Jahrzehnten hat auch in Italien eine spürbare Säkularisierung eingesetzt. Zwar bezeichnen sich noch immer die meisten Italiener als katholisch, doch wirklich volle Kirchen gibt es meist nur zu großen Feiertagen; im normalen Sonntagsgottesdienst sind überwiegend ältere Semester vertreten. Allerheiligen verbringen viele Italiener heute deshalb eher nach eigenem Belieben: sei es in der Kirche, auf dem Friedhof oder einfach gemütlich daheim mit der Familie – wichtig ist vor allem die Besinnlichkeit dieses Tages.
2. November – Allerseelen (Il Giorno dei Morti)
Der Allerseelentag am 2. November, in Italien auch Giorno dei Morti (Tag der Toten) oder formal Commemorazione dei defunti genannt, ist dem Gedenken aller verstorbenen Seelen gewidmet. Anders als Allerheiligen ist Allerseelen in Italien kein gesetzlicher Feiertag, die meisten Menschen müssen also wieder zur Arbeit oder Schule. Dennoch betrachten viele Italiener auch den 2. November als einen wichtigen Traditionstag – man könnte sagen, als „Feiertag im Geiste“. Wer kann, nimmt sich eventuell frei oder beginnt den Tag früh mit einem Besuch in der Kirche zur Totenmesse, die vielerorts am Morgen des 2. November gefeiert wird. Die Kirchenglocken läuten, während auf den Friedhöfen erneut Kerzen brennen und frische Blumen niedergelegt werden.
Auch am Allerseelentag selbst strömen in Italien viele Menschen auf die Friedhöfe, sofern es ihre Arbeitszeit erlaubt. Mancher besucht in der Mittagspause oder am Abend nach der Arbeit das Familiengrab, um eine Kerze anzuzünden. Richtig frei haben zwar die wenigsten, aber trotzdem sind die Friedhofsparkplätze am 2. November stets gut gefüllt. In vielen Familien ist es Tradition, Grabschmuck und Kerzen an Allerseelen noch einmal zu erneuern, falls sie vom Vortag heruntergebrannt sind. Oft verwendet man dafür große Grablichter in roten oder weißen Plastikröhren mit Metalldeckel – die Klassiker, die auch bei Wind und Regen nicht ausgehen. Mittlerweile gibt es sogar praktische elektrische Grabkerzen, die immer mehr Zuspruch finden und in jedem Supermarkt erhältlich sind. Wichtig ist den Italienern an diesem Tag, dass keine Seele vergessen wird: Jedes Familiengrab, sei es auch noch so alt, wird mit mindestens einem Licht versehen. Viele glauben zwar nicht mehr wörtlich an die Vorstellung vom Fegefeuer, doch das rituelle „Licht für die Verstorbenen“ gehört einfach dazu und spendet Trost.
Kulinarischen Bräuchen
Allerseelen ist in Italien zudem mit einigen kulinarischen Bräuchen verknüpft. In fast allen Regionen werden zu Beginn des November spezielle Totengebäcke zubereitet. Dazu zählen z. B. die „Fave dei Morti“ („Bohnen der Toten“) – kleine weiße Mandelkekse in Form von Bohnen, „Ossa dei Morti“ („Gebein der Toten“) – harte Knochen-förmige Kekse, oder „Pane dei Morti“ („Totenbrot“) – ein süßes Brot bzw. weiches Plätzchen mit Nüssen, Trockenfrüchten und Gewürzen. Diese traditionell um Allerseelen gebackenen Süßigkeiten variieren je nach Region, sind aber fast überall in Italien bekannt. Das „Pane dei Morti“ zum Beispiel ist in der Lombardei typisches Allerheiligengebäck und symbolisiert die Verbindung zwischen Lebenden und Toten. Auch Kastanien haben zur Herbstzeit Hochsaison – geröstete Maroni werden in vielen Gegenden um den 1./2. November herum gerne gegessen, womit man den Toten symbolisch einen Teil der herbstlichen Ernte „widmet“.
Eine besonders herzergreifende Tradition findet man in Sizilien: Hier glaubte man, dass in der Nacht zu Allerseelen die Verstorbenen zurückkehren und den Kindern Geschenke bringen. Noch heute stellen viele Kinder in Sizilien am Abend des 1. November ihre Schuhe vor die Tür. Am Morgen des 2. November finden sie diese mit Süßigkeiten und kleinen Geschenken gefüllt – gebracht von den lieben Verstorbenen, so die Erzählung. Natürlich steckt in Wirklichkeit die Familie dahinter, aber der Brauch soll den Kindern die Angst vor den Toten nehmen und zugleich die Erinnerung an die Ahnen lebendig halten. Verglichen mit der eher stillen Gedenkatmosphäre in Nord- und Mittelitalien geht es auf Sizilien am Giorno dei Morti fast freudig zu: Die Kinder freuen sich auf ihre „Geschenke von den Toten“ und naschen fröhlich Totenkekse in Sargform. So verbindet dieser Tag auf ganz besondere Weise Trauer und Freude.
Heutige Bedeutung in Italien: zwischen Tradition und Wandel
Heute werden der 1. und 2. November in Italien zwar weiterhin mit großem Respekt begangen, doch es zeigen sich auch Wandel und moderne Einflüsse. Die meisten Italiener halten an den Familienritualen wie Friedhofsbesuchen und dem gemeinsamen Erinnern an die Verstorbenen fest – das Gedenken ist tief verwurzelt und wird bis heute zelebriert. Allerdings ist die strenge religiöse Note vielerorts abgeschwächt. Gerade in den Städten und bei der jüngeren Generation steht oft weniger der Kirchgang im Vordergrund, sondern eher die kulturelle Tradition: Man pflegt die Bräuche, weil sie zum familiären Jahreslauf gehören, ungeachtet der persönlichen Religiosität. Es ist keine Widerspruch, am 31. Oktober mit Freunden Halloween zu feiern und dennoch am 1. November mit der Familie zum Friedhof zu gehen – beides hat seinen Platz.
Kommerzielle Einflüsse sind ebenfalls unübersehbar: Geschäfte bieten Ende Oktober Halloween-Kostüme und Deko zum Verkauf, während gleichzeitig die Blumenhändler rund um Allerheiligen Hochkonjunktur haben. Konditoreien und Bäckereien werben mit traditionellen Ognissanti-Spezialitäten wie Pane dei Morti oder Ossa di morto. Die Medien berichten jedes Jahr aufs Neue über die „Bräuche zu Allerheiligen und Allerseelen“, sodass auch Außenstehende und Touristen die Bedeutung dieser Tage verstehen. In touristischen Orten werden um den 1. November sogar Veranstaltungen angeboten – zum Beispiel Nachtführungen auf historischen Friedhöfen oder Ausstellungen zum Totenkult. Trotzdem bleibt die Grundstimmung authentisch: Anders als etwa in Mexiko (Día de los Muertos) gibt es in Italien keine fröhlichen Volksfeste an Allerseelen, sondern eher stille Andacht. Halloween wiederum bleibt – trotz aller Begeisterung bei Kids und Junggebliebenen – ein eher oberflächliches Vergnügen ohne tiefere Wurzeln in der italienischen Seele. Insgesamt sind diese Tage in Italien also eine Mischung aus altem Brauchtum und modernem Leben: Man ehrt die Verstorbenen auf traditionelle Weise, genießt aber auch die freie Zeit und neue Trends.
Vergleich: Italien und Deutschland am 31. Oktober, 1. und 2. November
Schaut man über die Alpen, fallen erst die Feiertage auf: In Italien ist der 1. November (Ognissanti) landesweit frei, der 2. November nicht. In Deutschland ist Allerheiligen nur in den katholischen Bundesländern arbeitsfrei – dafür hat man vielerorts schon am 31. Oktober wegen des Reformationstags frei. Allerseelen ist beiderseits kein gesetzlicher Feiertag.
Beim Brauchtum ähneln sich die Bilder: Familien gehen auf den Friedhof, zünden Kerzen an, legen Chrysanthemen. In Italien konzentriert sich das Gedenken klar auf den 1./2. November; in Deutschland hängt es stark von Region und Konfession ab. Süßes gehört ebenfalls dazu – in Italien etwa Pane/Fave/Ossa dei Morti, in Deutschland je nach Gegend Allerheiligenstriezel oder Weckmann.
Und Halloween? Das ist in beiden Ländern angekommen und recht kommerziell. In Italien bleibt es eher die fröhliche Vorabend-Party vor einem stillen Feiertag; in Deutschland wird Halloween mancherorts kritischer gesehen. Außerdem gilt Allerheiligen in einigen Bundesländern als „stiller Tag“ mit Tanz- und Lärmbeschränkungen – in Italien gibt es solche gesetzlichen Vorgaben nicht, die Grundstimmung bleibt trotzdem respektvoll und ruhig.
Ob in Deutschland oder Italien – die Tage um den 1. November bieten die Chance, innezuhalten, sich auf Traditionen zu besinnen und zugleich zu beobachten, wie alte und neue Bräuche nebeneinander bestehen. Es ist eine Zeit, in der Vergangenheit und Gegenwart, Ernst und Freude nah beieinander liegen – und gerade das macht sie so besonders.
Buon Ognissanti! – oder einfach: Einen besinnlichen Allerheiligen und fröhliches Gruseln zu Halloween!
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