Straßennamen in Italien
Mein Schwager und meine Schwägerin hatten früher ein Navigationsgerät, das sich weigerte, den Weg zu einem Ziel zu berechnen, wenn sie (sie hieß Miep) keinen Straßennamen bekam. Das Miststück. Glücklicherweise hatten meine Verwandten herausgefunden, dass in Italien jedes Dorf oder jede Stadt eine Via della Repubblica, eine Piazza Garibaldi oder etwas Ähnliches hatte. Nach einigem Probieren und Raten hat Miep schließlich immer zugestimmt, ihre Pflicht getan und die Reise konnte beginnen.
Es ist in der Tat so, dass bestimmte Straßennamen in fast jeder italienischen Gemeinde auftauchen, wahrscheinlich aus dem Versuch heraus, die Einheit Italiens zu betonen („es ist wirklich eine Nation“). Aber, so denke ich immer bösartig, die offensichtliche Notwendigkeit dafür verrät genau das Fehlen dieses Einheitsgedankens.
Immer wieder Via Roma
Überraschenderweise (oder auch nicht) findet man der Name Roma am häufigsten, nämlich fast 8.000 Mal. In Italien gibt es 7896 Gemeinden, von denen sich nur etwa 100 nicht am Einheitsglauben beteiligen. Die strada, via oder piazza Roma führt Sie also mit dem Routennavigator überall in Italien hin. Und das war genau das, was... Mussolini meinte, als er 1931 das Dekret erließ, dass jede Gemeinde eine Via Roma haben sollte, um allen Italienern (einem indivualistischen, starrköpfigen Völkchen) klar zu machen, wo das Zentrum der Macht lag, nicht lokal, in der Provinz oder Region, sondern national, in Rom, bei ihm. Natürlich gab es in Rom selbst keine Via Roma, aber eine kleine Anzahl anderer Gemeinden wagte es, sich Mussolinis Befehl zu entziehen. Die wichtigsten von ihnen sind Bologna (schon immer eine Hochburg der Linken), Ferrara, Lecce, Mailand und Neapel, allerdings meist erst nach der Befreiung vom Faschismus.
Aber auch die Helden der italienischen Einigung...
Garibaldi und eine Reihe anderer Helden des Risorgimento wurden natürlich auch gefördert, folgen aber in Ermangelung eines Mussolini-Dekrets zahlenmäßig mit großem Abstand: Der Aufständische Garibaldi taucht in 5472 Gemeinden in einem Straßennamen auf, der Politiker Mazzini in 3994 und der Staatsmann Cavour in 3334. Danach folgt der von den Faschisten ermordete sozialistische Märtyrer Matteotti mit 3293 Straßennamen. Seltsam ist, dass der erste König Vittorio Emanuele II. nicht aufgeführt ist (vielleicht ist der Name zu lang für die Namensschilder). Mit dem ersten König von Italien kommt man also nicht sehr weit. Ein weiteres Zeichen für die Förderung der Einheit sind die vielen Straßennamen mit einem historischen Datum von nationaler Bedeutung: IV Novembre (Tag der nationalen Einheit), XXIV Maggio (Eroberungskrieg gegen Österreich), XV Aprile (Tag der Befreiung), XX Settembre (Einnahme von Rom), il Primo Maggio (Tag der Arbeit).
...und Künstler und Gelehrte aus Italien
Unter den berühmten Künstlern und Gelehrten steht der Erfinder Marconi mit 4842 Straßennamen bemerkenswerterweise an erster Stelle, weit vor Dante Alighieri (3793) und Verdi (3046). Durch Verdi taucht der erste König Italiens indirekt doch ganz oben auf der Liste auf. In den
turbulenten Zeiten der italienischen Einigung schrieben Revolutionäre oft den scheinbar harmlosen Namen VERDI an die Wände. Der Name des Komponisten war dabei ein Code für Vittorio Emanuele Re D'Italia.
Städte mit Straßennamen gewürdigt
Nach Rom ist der Ort Vittorio Veneto, nördlich von Venedig, der häufigste Straßenname. Am Ende des Ersten Weltkriegs fand hier die
entscheidend erfolgreiche italienische Offensive statt, die zum Sieg Italiens und zum Waffenstillstand mit der besiegten österreichisch-ungarischen Armee führte. Auch die nachfolgenden Orte Piave und Montegrappa haben einen Bezug zum Ersten oder Zweiten Weltkrieg. Die eher neutralen Orte Mailand und Turin stehen ebenfalls hoch im Kurs.
Ein paar Heilige...
Unter den Heiligen sind bemerkenswerterweise Santo Rocco (Schutzpatron gegen die Pest) und Antonius von Padua (Schutzpatron der
Armen, der Seeleute und Fischer, der Priester und Reisenden, Beschützer und Hüter der Post und Wundertäter) häufiger vertreten als Franziskus und Johannes.
...und nur 3 Frauen
Die Zahl der Frauennamen, die mit einem Straßennamen geehrt werden, ist auf 3(!) begrenzt: Maria, Santa Lucia und Königin Margherita von
Savoyen, Ehefrau von König Umberto.
Der am häufigsten vergebene ausländische Name ist der von John F. Kennedy.


