Chaotische Szenen auf den Pisten, extreme Verkehrsstaus, unhöfliches Verhalten und Notmaßnahmen zur Kontrolle der Menschenmassen – so sah es vergangenen Sonntag im italienischen Skigebiet Roccaraso aus, als Tausende Touristen in den Ort strömten, um den Schnee zu genießen. Angestachelt wurden sie offenbar durch beliebte italienische TikTok-Influencer.
In den vergangenen Wochen hatten mehrere Influencer Videos auf der Social-Media-Plattform über die starken Schneefälle in Roccaraso gepostet. Einige der Clips gingen viral, was das Interesse an Ausflügen in das Skigebiet steigerte. Reiseveranstalter in der Küstenstadt Neapel, etwa 130 Kilometer von Roccaraso entfernt, sprangen auf den Trend auf und boten massenhaft günstige Busreisen an. Für knapp 20 Euro sicherte man sich ein Hin- und Rückticket in die verschneiten Berge – inklusive Sandwich für unterwegs.
So brachen am Sonntag rund 220 Reisebusse sowie mindestens ebenso viele Autos voller neugieriger Tagesausflügler auf. Durch den Ansturm wurden die engen Straßen zu den Resorts blockiert – zum großen Ärger der 1.500 Einheimischen. Diese werfen den Touristen vor, auf den Pisten Chaos zu verursachen, da sie keine Rücksicht auf andere Skifahrer nehmen. Einige Besucher rutschten sogar auf improvisierten „Schlitten“ aus Pfannen den Hang hinab. Zudem sollen Touristen Grillfeuer auf den Pisten entzündet und Berge von Müll hinterlassen haben.
TikTokerin mit 1,7 Millionen Followern als Schuldige benannt
Lokale Medien machen vor allem Rita De Crescenzo, eine bekannte Influencerin aus Neapel, für den Massentourismus verantwortlich. Sie hatte in den vergangenen Wochen eine Reihe von Videos auf ihrem TikTok-Kanal (1,7 Millionen Follower) und anderen Plattformen veröffentlicht, in denen sie Menschen nach Roccaraso einlud. Viele Reiseveranstalter nutzten De Crescenzos Clips, um für ihre Tagesausflüge zu werben.
Die Italienerin reagierte am Mittwoch augenzwinkernd auf die Vorwürfe: „Ich habe doch nur fantastische Werbung für Roccaraso gemacht. Die Leute sind durch meine tollen Videos völlig aus dem Häuschen geraten.”
Der Ansturm am Sonntag veranlasste die Gemeinden rund um Roccaraso in der mittelitalienischen Region Abruzzen, Maßnahmen zu ergreifen. Unter anderem wurde der Zutritt für Reisebusse in das Gebiet eingeschränkt.
10.000 zusätzliche Touristen
Der Bürgermeister von Roccaraso, Francesco Di Donato, sagte gegenüber CNN, die Touristen hätten einen „echten Überfall“ auf das Skigebiet gestartet und eine „höllische“ Situation verursacht. Normalerweise ziehe das Gebiet an einem winterlichen Wochenende etwa 20.000 Skifahrer und 15.000 weitere Touristen an. Am Sonntag seien jedoch schätzungsweise 10.000 zusätzliche Besucher gekommen.
Er äußerte Besorgnis über Meldungen von Reiseveranstaltern, die für den kommenden Sonntag doppelt so viele Tagesausflüge gebucht hätten. Daher bat er die regionalen Behörden um ausreichend Verkehrspolizei und Ordnungskräfte.
„Roccaraso begrüßt immer mehr Touristen, aber am liebsten höfliche und respektvolle Skifahrer“, betonte er. „Die Leute, die am vergangenen Sonntag kamen, hatten keine Geduld und scheißen auf ihre Umgebung. Früher oder später riskiert man so Unfälle. Wir können so viele zusätzliche Tagesgäste nicht bewältigen. Ich denke, wir müssen die Situation angehen, als handele es sich um ein Fußballspiel.“


