Was für die moderne Studentengeneration ein Auszeitjahr ist, war für die wohlhabende Aristokratie des 17. bis frühen 20. Jahrhunderts die Grand Tour. Mit 21 Jahren machten sich die jungen Leute aus besseren Kreisen auf eine Reise in die Länder, in denen die Quellen der europäischen Kultur zu finden waren. Dabei kam vor allem Italien in Betracht. Der Brite Thomas Coryat (1577 - 1617) gilt als der erste, der die Reise unternahm, die später als Grand Tour bekannt wurde. Im Jahr 1611 veröffentlichte er seinen Reisebericht Crudities: Hastily gobled up in Five Moneth's Travels. Die Grand Tour hatte in diesen frühen Tagen keine feste Route, da immer Umwege gemacht werden mussten, um Krankheiten, Kriegen usw. auszuweichen. Oder es mussten Höflichkeitsbesuche bei lokalen Herrschern gemacht werden, oder man hatte Lust, eine Oper zu besuchen oder an bestimmten Festlichkeiten wie dem Karneval teilzunehmen. Die bevorzugte Route führte über die Alpen, den Mont Cenis oder Moncenisio, wobei das Begleitpersonal die Reisenden in Sänften über den Bergpass trug. Zum Gefolge gehörten auch so genannte ciceroni, Wächter, die darauf achteten, dass die milordi, die jungen Leute, sich an den kulturellen Zweck der Reise hielten und nicht dem Alkohol und dem Glücksspiel frönten. Oder sie gingen mit italienischen Damen aus bescheidenen Verhältnissen aus. Ab dem 18. Jahrhundert war die erste Station oft Turin, wo der Königshof besucht wurde, ebenso wie das führende Opernhaus, das Teatro Regio, und die brandneue Superga-Kirche. Manchmal fuhren sie auch nach Mailand oder Genua, obwohl letzteres den Nachteil hatte, keine Monarchie, sondern eine Republik zu sein (bah). Außerdem empfanden die Nordländer die grellen Farben der Häuser oft als vulgär.
Der berühmteste Italienreisende dieser Zeit war Goethe, der in seinem voluminösen Buch "Italienische Reise" über seine Reise berichtete. Mailand hatte den Vorteil, dass es auf dem Weg nach Venedig lag und über ein bedeutendes Opernhaus verfügte. Venedig selbst war natürlich wegen seiner besonderen Lage, seiner Kunst und Architektur sowie wegen der Konzerte und Festivals ein Pflichttermin. Florenz war die Renaissancestadt schlechthin und wegen ihrer schönen Villen, Gärten und Parks ebenfalls ein obligatorischer Halt. Rom wurde wegen seiner Geschichte besucht, die in Form der zahlreichen Ruinen bedeutender Gebäude aus der römischen Antike greifbar ist. Neapel schließlich besuchte man wegen seiner archäologischen Bedeutung (die Ausgrabungen von Pompeji und Herculaneum hatten bereits 1730 begonnen). Auch der immer noch aktive Vesuv übte auf Reisende eine ungeheure Faszination aus. Außerdem entwickelte sich Neapel im 19. Jahrhundert zum "Paris Italiens". Fenimore Cooper (The Last of the Mohicans) schrieb beispielsweise: "Rom und Pisa sind tot, Florenz schläft und nur Neapel strotzt vor Leben". Von Neapel aus kehrten die Reisenden in der Regel mit dem Schiff nach Hause zurück, oft im Besitz einer antiken römischen Statue, die sich bei der Heimkehr meist als Fälschung herausstellte. In der heutigen Zeit, in der unabhängiges Reisen viel einfacher geworden ist, hat die Grand Tour an Bedeutung verloren. Es sei denn, es handelt sich um wohlhabendere Touristen aus weiter entfernten Ländern, wie z. B.Amerikaner, die wenig Urlaub haben und in acht Tagen "ganz Italien" sehen müssen.


